Modernisme – der katalanische Jugendstil

Antoni Gaudí

Eigentlich wollten wir in Katalonien/Spanien die Stadt Reus besuchen, um dort einzukaufen, bis wir feststellten, dass hier Antoni Gaudí – mit der für uns ungewohnten Betonung auf der zweiten Silbe übrigens – geboren wurde. Von Gaudí war uns bis dahin außer dem Namen nicht viel bekannt und wir haben die Anregung aufgenommen, uns mit ihm zu beschäftigen. In Reus gibt es ein Gaudí-Museum: Modern, attraktiv, fünfsprachig beschriftet, interessant und umfassend, ohne schwülstig oder aufdringlich zu sein.

Gaudí Centre in Reus

Nun muss ich leider etwas ausholen. Euch ist ungefähr die klassische Baukunst der deutschen Kaiserzeit (etwa 1870 bis 1914) bekannt: Groß, protzig, streng, an klassischen Vorbildern orientiert, Hermannsdenkmal und so weiter … Ihr wisst schon. Davon abgrenzend entwickelte sich zur selben Zeit der “Jugendstil”, also die verspielten floralen Türen, Schränke, Zeichnungen, die man so kennt. Der Jugendstil wurde in anderen Ländern “Art Nouveau” genannt – also “Neue Kunst”, was dem Inhalt näher kommt. Es war etwas gänzlich Neues, brach mit den klassizistischen Stilen, war radikal, umstürzlerisch, angefeindet und modern. Konsequenterweise trägt die katalanische Variante den Namen “Modernisme”. Und das bringt es genau auf den Punkt! Das Alte hatte ausgedient, auch wenn es das noch nicht wusste, und das Neue trug den Samen des 20. Jahrhunderts in sich, auch wenn es sich erst noch Bahn brechen musste.

Barcelona war eines der Zentren des Modernisme und hier wurden architektonisch und städtebaulich Maßstäbe gesetzt. Und so komme ich nun wieder zu Gaudí zurück: Er war einer der wichtigsten Vertreter des Modernisme (also des Jugendstils) in der Architektur. Sein Meisterwerk ist die Sagrada Familia, die berühmte Kirche in Barcelona, die wir in Barcelona besucht haben (s. u.).

Gaudí Centre in Reus. Der Modernisme/Jugendstil prägte nicht nur Architektur, sondern auch Einrichtung und Möbel

Wir haben uns also mit Gaudí, seinem Leben, seinem Wirken und seinen Werken beschäftigt und waren fasziniert. Der Modernisme begegnete uns ganz alltäglich in den vielen kleinen Straßen, Geschäften und  Gaststätten.

Ladenlokal in Stil des Modernisme in Reus

Barcelona

Bei unserem Aufenthalt in Barcelona haben wir davon angeregt weiter das Thema Modernisme verfolgt und wir wurden nicht enttäuscht. Gaudí hat seine Spuren besonders in Barcelona hinterlassen.

Nachtleben: Eine Gaststätte im Jugendstil

Wir brauchen an dieser Stelle wieder ein paar Informationen: Barcelona war seit etwa 1850 eine industrialisierte, sehr reiche und sehr aufstrebende Stadt. Sie platzte aus allen Nähten und daher unternahmen die Stadtväter etwas damals Revolutionäres: Sie erweiterten die Stadt durch ein riesiges, geplantes Stadtviertel („Eixample“) und zeigten quasi mit der Weltausstellung 1888 der gesamten Welt den erfolgreichen Abschluss dieses Modernisierungsprozesses. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich diese Modernisierung auf gestalterischer Ebene weiter und schuf den Modernisme, dessen bedeutendster Vertreter unser Gaudí war.

Ein kleiner Sprung nach Hause: Zu der Zeit, als dieser Prozess in Barcelona weitgehend abgeschlossen war, bestand unsere Stadt Lage überwiegend aus Fachwerkhäusern und hatte bis dato noch keinerlei Stadtplanung betrieben.

Ein berühmter Prachtbau von Gaudí in Barcelona

Bitte erlaubt mir noch eine kleine Anmerkung: In einem Führer habe ich die etwas verschämte Formulierung gefunden, dass der Reichtum der Stadt “mit schweren sozialen Konflikten” verbunden war. Dies bedeutete, dass wie überall zu dieser Zeit der Reichtum weniger Menschen mit der Ausbeutung und unfassbarem Elend des größten Teils der Bevölkerung verbunden war. Das müssen wir immer im Kopf haben, wenn wir die Kunst der damaligen Zeit bewundern. Aber nun wieder zurück zum schönen Teil.

Modernisme-Museum

Es handelt sich um kleines, sehr feines und privates Museum, das über einen bedeutenden Bestand repräsentativer Jugendstilmöbel und zusätzlicher Gemälde dieser Zeit verfügt. Bei den Gemälden haben mich insbesondere die “Vier Jahreszeiten” fasziniert.

Die vier Jahreszeiten

Die von namhaften Künstlern geschaffenen Möbel sind wunderbar gepflegt und lassen mit ihren schwungvollen Linien und floralen Mustern die klassische Formenstrenge der konventionellen Möbel hinter sich. Zugleich befriedigen sie das bürgerliche Repräsentationsbedürfnis mit ihren großen dunklen Holzflächen und aufwändigen Intarsien. Wir dürfen nicht vergessen, dass sich die Möbel auch verkaufen und damit dem Publikumsgeschmack gefallen mussten. Sie boten damit dem typischen wohlhabenden bürgerlichen Käufer die Sicherheit der klassischen Repräsentation und zugleich den Ruf eines modernen Menschen.

Möbel im Jugendstil

Und hier seht Ihr nun Möbelstücke von Gaudí, die der bürgerliche Käufer seiner eleganten Ehefrau und ihren ebenso eleganten Gästen bestimmt nur schwer vermitteln konnte. Gaudí hatte den Jugendstil weiter entwickelt (vielleicht zu weit?) und neue avantgardistische Standards gesetzt. Merkt Euch bitte diesen Punkt, da wir gleich darauf zurückkommen werden.

Stühle von Gaudí

Wir fanden die Möbel und Gemälde jedenfalls einfach nur schön!

Park Güell

Der Eingangsbereich des Parks Güell

Ich hatte Euch vorhin von der Neuplanung Barcelonas erzählt. Den Gipfelpunkt (im Wortsinne) wollte der Bill Gates der damaligen Zeit, Eusebi Güell, schaffen, in dem er am Rande des neuen Stadtviertels auf einer Anhöhe ein “Neubaugebiet” für 60 Villen anlegen ließ und damit unseren Gaudí beauftragte. Dieser schuf ab 1900 eine modernistische Anlage in seinem eigenen Stil, die mangels Erfolg (es wurden nur drei Häuser gebaut: Je eines für Güell, Gaudi und einen Freund) und aufgrund des 1. Weltkrieges aufgegeben und 1922 von Güells Erben an die Stadt Barcelona verkauft wurde, die daraus den öffentlichen Park Güell machte.

Wohnhaus im heutigen Park Güell

Auch hier finden wir die an der Natur orientierten Strukturen, die später Hundertwasser und seine Nachfolger weiterentwickelten. Und meines Erachtens erklärt das auch den ökonomischen Misserfolg des ursprünglichen Projektes: Welcher wohlhabende Industrielle um 1900 mochte seiner Ehefrau und seinen reichen Gästen dieses Wohnumfeld erklären?

Park Güell

Sagrada Familia

Bei Facebook habe ich die Sagrada Familia “die schönste Kirche dieses Planeten” genannt. Die Sagrada Familia ist es wirklich! Sie ist das Lebenswerk Gaudís, sie ist zentral für Barcelona und weithin sichtbar, sie wird die höchste Kirche der Welt und sie ist immer noch nicht fertig, obwohl sie seit über 100 Jahren gebaut wird. Details könnt Ihr bei Wikipedia nachlesen.

Das Sonnenlicht in der Sagrada Familia

Von außen wirkt sie überraschend riesig (ähnlich wie der Kölner Dom) und ihre ungewöhnlichen Formen verstören. Wir betreten das Innere und finden einen klassischen großen Innenraum. Aber dieser Innenraum hat es in sich: Er ist groß und hoch mit Säulen. Zugleich ist er licht und hell. An den Seiten sehen wir farbige Fenster, deren Licht die Böden und Säulen bunt färben. Besonders wenn die Sonne scheint, wird die Kirche von farbigem Licht durchströmt. All das lässt die düstere Strenge des üblichen Kirchenbaus hinter sich und verströmt eine Leichtigkeit und Freundlichkeit, wie sie mir in noch keiner Kirche begegnet sind. Obwohl die Sagrada Familia ihre katholische Herkunft nicht verleugnet, finden sich in ihr wichtige Bezüge zu anderen Religionen und Nationen.

Das Sonnenlicht in der Sagrada Familia

Wir werden 2026 wieder nach Barcelona kommen und die fertiggestellte Sagrada Familia besichtigen.

Fazit

Welch ein Unterschied: Während in Reus und Barcelona moderne avantgardistische Architektur und Kunst blühten und die Zukunft repräsentierten, verharrte man bei uns in der Provinz in dem alten (neo-)klassizistisch Gewohnten, orientiert an der Vergangenheit. Vielleicht sollte uns das die Augen öffnen für neue Entwicklungen unserer Gegenwart und sollten wir uns an den Perspektiven der Zukunft orientieren. Wie sieht der “Modernisme” des frühen 21. Jahrhunderts aus? Das Neue wirkt aus der Nähe zunächst immer ungewohnt, unbequem und unwichtig, und dennoch liegt in ihm die Zukunft.

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