Die Toten Hosen, Laufsport und Nazis

Wir haben die Toten Hosen bei Ihrem großen Open-Air-Konzert in Minden besucht. Ich habe eine besondere Beziehung zu dieser Band, da ich ihre Musik sehr gerne höre, während ich laufe. Der Genuss ist für mich sehr intensiv und emotional und trägt mich auch über schwierige Laufabschnitte. Somit ist ein Besuch bei den Toten Hosen immer etwas Besonderes und mit Gänsehaut verbunden.

Musik gegen rechts

Soweit, so gut. Wer die Toten Hosen kennt, der weiß, dass sie sich gegen rechts engagieren und das auch in einigen Stücken thematisieren. Wer hat nicht von den schrecklichen Ereignissen in Chemnitz gehört! Die Toten Hosen haben daraufhin zusammen mit anderen Bands dort ein Konzert gegen rechts unter dem Motto „Wir sind mehr“ gegeben. #wirsindmehr

Es gibt tausend gute Gründe
Auf dieses Land stolz zu sein
Warum fällt uns jetzt auf einmal
Kein einziger mehr ein?
(aus dem Lied „1000 gute Gründe“ der Toten Hosen)

Damit war für mich während des Konzertes eine emotionale Verbindung zwischen der Musik, meinem Sport und Chemnitz hergestellt. In Chemnitz werden Menschen gejagt. Tausende von Spießbürgern schauen zu, haben Verständnis dafür und unterstützen diese Jagden. Der Ministerpräsident Sachsens ist der Meinung, dass die Polizei dabei gute Arbeit geleistet hat.

Gänsehaut

Chemnitz

Was habe ich mit den Ereignissen in Chemnitz zu tun? Welche Verantwortung habe ich? Ich möchte hier und mit meinen bescheidenen Mittel Position beziehen. An anderer Stelle habe ich mich mit den positiven Bezügen zur Heimat auseinandergesetzt und bin mit Bruce Springsteen der Meinung, dass man Patriotismus nicht den Rechten überlassen darf. Ich lebe gern in meiner Heimat Lippe, ich lebe gern in Deutschland und es gefällt mir hier gut. Ich sage Euch Rechten und Euch besorgten Bürgern: Ihr seid nicht Deutschland! Ihr habt kein Ausschließlichkeitsrecht auf unser Land. Ihr dürft Deutschland und unsere Demokratie nicht missbrauchen. Und nein – ich habe kein Verständnis für Euch. Ihr seid einfach nur Arschlöcher!

Soweit, so ungut. Damit ist meine Position wohl klar. Ich möchte aber noch etwas weiter aushole. Ich könnte Euch fachlich fundiert eine ganze Menge zur Entwicklung des Nationalsozialismus, rechter Ideologien, sozioökonomischer Theorien usw. erzählen. Das hätte aber bestimmt Längen …

Spießbürger

Ich mache es darum kurz: Es sind nicht die Nazis, die Radikalen, die Idioten, die mir Angst machen, da ein bestimmter Bodensatz immer dazu gehört. Angst macht mir die Mehrheit, die Spießer, die „besorgten Bürger“, die Wutbürger, die Selbstgerechten, die ganz normalen Menschen. Jeden Montag gehen sie in Dresden auf die Straße: „Das wird man doch noch mal sagen dürfen“, „Lügenpresse“ „Merkel muss weg“. Wisst Ihr, woraus der Nationalsozialismus in Deutschland seine Kraft bezog? Es waren nicht nur Hitler und Co., sondern es waren die ganz normalen kleinen Leute, die auf allen Ebenen, in allen Städten und Dörfern, in Lippe und Lage, in allen Familien, immer und überall im Kleinen und im Großen mitmachten und den Schrecken umsetzten.

Und wir sind auf dem Weg dorthin. Die AfD wird zur Volkspartei, Pegida ist Alltag, es finden Menschenjagden statt, die Polizei gebietet dem keinen Einhalt und der Ministerpräsident ist zufrieden. Diese Normalität und Selbstzufriedenheit, die normalen Bürger und der Alltag – all das zeigt, dass Deutschland sich auf der schiefen Bahn befindet.

Zur Demokratie und zu Deutschland gehören die Akzeptanz unser Grundrechtsordnung und der allgemeinen Menschenrechte. Die Tolerierung von Hitlergrüßen und Menschenjagden gehören nicht dazu. Wie kann man Menschlichkeit an die Seite schieben? Toleranz und Vielfalt gehören zum Sport – und so schließt sich der Kreis zum Laufen wieder – und lassen so etwas nicht zu, unter keinen Umständen.

Aber: Ein Mitglied unserer Laufgruppe ist einer dieser engagierten „besorgten Bürger“. Als ich darüber schrieb und seinen Rauswurf forderte, löschte der Administrator meinen Post nach 20 Minuten. Wie weit sind wir gekommen? Alle Appelle, Laufveranstaltungen mit Flüchtlingen und bei Facebook gepostete Bildchen sind nur Schein, wenn man solche Menschen in seinen Reihen duldet.

Unsere Grundordnung ist eine „wehrhafte“ mit wirksamen Instrumenten. Es ist an der Zeit, sie auszupacken.

Meine eigene Verantwortung

Die Zeit des Schweigens ist vorbei! Was kann ich tun? Dagegen sein ist einfach, aber ich möchte dem etwas Positives gegenüberstellen. Dieser Artikel ist ein Versuch, mich zu positionieren und andere positiv zu beeinflussen. Wehrt Euch, schweigt nicht mehr!

Ich bin ein freier Mensch. Ich habe mich in der Vergangenheit für antifaschistische Bildungsarbeit eingesetzt, ich forsche und publiziere zum Dritten Reich, ich habe mich mein ganzes Leben lang ehrenamtlich engagiert, ich habe mit Flüchtlingen Sport gemacht und Geld gesammelt und ich versuche Menschen glücklich zu machen – vielleicht mit einem kleinen Läufchen. Ich mache weiter im Kleinen; ich werde meine Heimat behalten und sie nicht den Rechten überlassen.

Danke Euch, Ihr Toten Hosen, für diese Anregung! Wir sehen uns …

Update 4.9. AfD in unserer Laufgruppe

In unserer Laufgruppe hat sich ein Läufer unangemessen zur Chemnitzer Menschenjagd-Diskussion geäußert. Er hat Verständnis für die rechten Demonstranten, die Ereignisse relativiert, den braunen Mob als „besorgte Bürger“ bezeichnet, von Lügen, Merkel, angeblicher Demokratie usw. gesprochen. Das ganze übliche Programm. Er hat zwei Facebookprofile – eines für Sport und eines für Politik. In dem politischen Profil postet er massiv AfD-Parolen und jede/r kann nachlesen, mit wem er/sie befreundet ist.

Menschlichkeit und Toleranz sind ein wichtiger Teil des Sports und der Gesellschaft. Der AfD-Befürworter verletzt die Grundlagen unserer Demokratie und ich hatte verlangt, dass er unsere Laufgruppe verlässt. Ich hatte das in der Facebook-Gruppe gepostet – der Admin hat das nach 20 Minuten gelöscht. Die folgende Facebook-Diskussion war sehr klärend, allerdings anders als gedacht. Der Admin setzt sich in einem Post für den Verbleib des AfD-Befürworter ein und bisher haben das 90 Leute geliked bzw. positiv kommentiert, was für diese Facebookgruppe extrem viel ist.

Ich engagiere mich nicht bei einer Sportgruppe, die AfD und Rechte so demonstrativ in ihren Reihen duldet, und stelle daher meine Mitarbeit ein.

Update 5.9.

Ich wurde aus der Facebook-Gruppe geworfen und der AfD-Befürworter bleibt in der Gruppe.

#wirsindmehr – Das habe ich wirklich geglaubt! So kann man sich täuschen. Gruselig, oder?

40.000 Zuschauer bei den Toten Hosen

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